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Vitamine von der Fensterbank
Eigentlich ist die Auswahl im Naturkostladen noch viel größer.
Denn aus den Linsen und Kichererbsen im Nebenregal und auch aus
dem Weizen, der einige Schritte weiter gleich kiloweise angeboten
wird, könnten ebenfalls Keimlinge gezogen werden. Zumal sie
das Bio-Siegel haben, also nicht mit Keimhemmern behandelt wurden.
Der Vorteil der Keimsaaten aus den kleinen Päckchen: Sie wurden
so sorgfältig geerntet und verpackt, dass kaum ein Körnchen
verletzt ist. Aus fast allen kann also noch ein Spross entstehen.
Außerdem gibt es hinten auf dem Päckchen die Anleitung
zum Keimen.
Keimen für Anfänger
Wieder daheim, machen sich die beiden gleich ans Küchengärtnern.
Johanna füllt je zwei Esslöffel Mungobohnen und Radieschensamen
in zwei Schüsselchen und gießt handwarmes Wasser darüber.
Deckel darauf und dann warten auf die Überraschung. Die ist
erst einmal bescheiden: Die Samen sind am nächsten Morgen nur
ein bisschen dicker als vorher, weil sie ordentlich Wasser geschluckt
haben.
Ein Keimgerät gibt es noch nicht im Haushalt. Für den
Anfang tun es auch zwei Einmachgläser mit etwas luftdurchlässigem
Stoff als Deckel. Johanna darf die eingeweichten und wieder mit
handwarmem Wasser gespülten Samen vorsichtig ins Glas klopfen.
Das wird mit Hilfe von Stoff und einem Gummiring verschlossen, dann
kopfüber schräg gestellt, damit restliches Wasser gut
ablaufen kann und genügend Luft daran kommt. Wieder heißt
es: warten. Was sich jetzt im Inneren der winzigen Körnchen
tut, lässt sich von außen nur schwer erahnen. Wasser,
Zimmerwärme, Sauerstoff und Licht wecken die kompakt im Samen
gespeicherten Vorräte für das Pflanzenwachstum aus einer
Art Winterschlaf. Stärke wird in Traubenzucker zerlegt, Eiweiß
in Aminosäuren gespalten, Fette abgebaut, um Energie fürs
Wachsen zu bekommen. Die Menge an Vitaminen, Ballast- und Mineralstoffen
wächst beträchtlich.
Ernte aus dem Einmachglas
Dass sich etwas tut, kann Johanna rasch sehen: Schon am ersten
Abend sind die Mungobohnen so dick, dass einige platzen und unter
der grünen Schale ein elfenbeinfarbenes Unterkleid hervorspitzelt.
Aus den rötlichen Radieschensamen wagen sich bereits erste
Würzelchen. Essbar sind die Sprossen, sobald sie sich zeigen
– mitsamt dem Kern. Etwas mehr Geduld belohnen Alfalfa, Linsen
und Co. mit hohen Erträgen: Wer einen Esslöffel Samen
sät, kann bis zu fünf Esslöffel Keimlinge ernten.
Da macht das Warten Spaß. Trotzdem empfiehlt es sich, immer
mal wieder zu probieren und vorsichtshalber auch noch mal auf der
Packung nachzuschauen. Manche Sprossen, Bockshornklee oder Kichererbsen
etwa, werden nach einiger Zeit bitter. Bei den anderen ist die Ernte
Geschmackssache: Die einen mögen es milder und ernten früher,
die anderen lassen ihren Sprossen Zeit, intensiveres Aroma zu entwickeln.
Johanna und Herbert ernten nach vier Tagen. Herbert kocht mit den
Mungobohnen-Sprossen ein chinesisches Wok-Gericht. Johanna häuft
ein Türmchen aus Radieschenkeimen auf ihr Käsebrot –
so wie sie es wollte, verzieht beim Reinbeißen auch kein bisschen
das Gesicht. Obwohl die rötlichen Würzelchen ganz schön
scharf sind.
Kinderleicht
Sprossen selber ziehen ist für Kinder toll. Sie können
den Miniatur-Pflänzchen beim Wachsen zuschauen. Einziger Einwand:
Ohne Geduld und Zuverlässigkeit wird das nichts. Dann lieber
zum Bioladen und dort die knackig-frischen Mini-Pflänzchen
aus dem Kühlregal angeln.
6 Tipps fürs Sprossen ziehen
Samen waschen und je nach Sorte bis zu zwölf Stunden in handwarmem
Wasser einweichen.
Eingeweichte Samen mit klarem Wasser abspülen. Dann gleichmäßig
im Keimgerät verteilen.
Manche Sorten keimen lieber im Dunkeln, andere bevorzugen Licht.
Direkte Sonneneinstrahlung tut keiner Sprosse gut, dafür aber
Temperaturen zwischen 18 und 22 Grad Celsius.
Zweimal täglich mögen die Keime eine kurze Dusche.
Rettich- oder Radieschensamen zwischen andere Samen gestreut, verhindern
mit ihren antibakteriellen Wirkstoffen die Schimmelbildung.
Steckbriefe Sprossen und Keime
Mungobohnen
Drei bis vier Tage nachdem sie ihre grüne Schale gesprengt
haben, schmecken die Mungobohnen-Sprossen optimal: leicht süßlich,
ähnlich wie rohe Erbsen und knackig frisch. Vor dem Keimen
sollten sie zwölf Stunden einweichen und in den beiden ersten
Tagen im Dunkeln wachsen. Mungobohnen schmecken prima im Salat und
sind Spezialisten für China-Gemüsepfanne und Frühlingsrolle.
Radieschen
In der Tüte sehen sie aus wie rötlich-braune Steinchen,
aber nach fünf, sechs Tagen mit Wasser, Luft und Wärme
schmecken die Keimlinge ganz schön scharf. Es reichen vier
Stunden Einweichzeit. Sie sind besonders stark im Kampf gegen Bakterien
und Schimmel, und deshalb gute Begleiter für andere Samen im
Keimgerät. Radieschenkeimlinge peppen Salat auf und passen
gut zu Tomatenbrot.
Senf
Wenn Senfkörner mit Wasser zusammenkommen, entwickeln sie
brennende Schärfe und würziges Aroma. Nach einer mindestens
dreistündigen Einweichzeit sind die Keimlinge in zwei bis fünf
Tagen erntereif. An ihren Würzelchen wächst ein zarter
Flaum. Keine Sorge, das ist kein Schimmel. Senfsprossen machen sich
gut auf Bratkartoffeln oder im Avocado-Dip.
Sonnenblumen
Hübsch sind die ovalen Sonnenblumenkerne, mit ihren schwarz-weißen
Streifen. Geschält keimen sie aber schneller. Nach mindestens
vier Stunden Wässern kann es losgehen. Ein bis vier Tage sollen
sie wachsen und lieber zu früh als zu spät geerntet werden.
Denn ihr nussig-milder Geschmack schlägt schnell ins Bittere
um. Anrösten verstärkt ihr nussiges Aroma. Dann verfeinern
sie sogar Desserts.
Weizen
Gekeimte Weizenkörner entwickeln ein süßlich-mildes
Aroma. Zwölf Stunden sollten sie Gelegenheit haben, Wasser
aufzusaugen, bevor sie ins Keimglas gelangen. Dort reifen sie in
zwei bis vier Tagen. Neben den Hauptwurzeln wachsen flaumige Nebenwürzelchen.
Wenn die Sprossen gerade mal so lang sind wie das ursprüngliche
Korn, machen sie sich gut in Pfannengerichten oder auf saftigen
Broten.
Bockshornklee
Schon beim Keimen entwickelt er den charakteristischen Duft, der
an Curry erinnert. Kein Wunder, denn ursprünglich gehört
er auch in diese Gewürzmischung. Bockshornklee braucht sechs
Stunden im Einweichwasser und dann vier Tage im Dunkeln, um richtig
auszukeimen. Länger darf es nicht sein, sonst wird er bitter.
Die herzhaften Sprossen aromatisieren Reisgerichte und Aufläufe.
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